Analyse der WM-Teilnehmer: Russland - Ein Gastbeitrag von Marcus Yevgeni Tomasin

Russia Team 2012 Lineup

Mit dem ältesten Trainer des Turniers und ohne Legionäre will Russland mindestens das Viertelfinale erreichen – möglicher Achtelfinalgegner: Deutschland

Trainer

Hart, Härter, Fabio Capello (67). Das knollige Boxergesicht würde diesen Trainer für die Besetzung des Tabak kauenden, kompromisslosen Sheriffs in einem Sergio-Leone-Film prädestinieren. Hierfür müsste der Italiener auch kein großes Einfühlungsvermögen mitbringen, denn dass dieser Coach sich als Law-and-order-Mann begreift, hat er dank diverser Einlassungen zu politischen Fragen hinlänglich bewiesen. Capello, ein Ziehsohn Silvio Berlusconis, kann selbst dem Ex-Diktator General Franco etwas Gutes abgewinnen, schließlich habe dieser Spanien eine gewisse „Ordnung“ hinterlassen, von der dieses Land auch heute noch zehren würde.

Selbstredend schlug man diesem erzkonservativen Katholiken gerade Letzteres um die Ohren und zumindest diesen Fauxpas versuchte Capello medial auch wieder einzufangen. Diese Übung dürfte ihm sicherlich schwer gefallen sein, denn ein Capello führt keinen Dialog mit den Medienschaffenden, da es Zitat „Zeitverschwendung sei, sich mit Leuten zu unterhalten, die eindeutig weniger Grips hätten als er selbst“[1]. Kein Wunder also, dass er in seiner Zeit bei Juventus Turin den Austausch der Mobilfunknummer mit der lokalen Heimatpresse verweigerte –im fußballverrückten Italien kommt dieses Gebaren einer Kriegserklärung gleich![2]

Das uns dieser Coach trotz seiner unverdaulichen Art immer wieder auf der Weltbühne des Fußballs behelligt, hat mit seinem Ruf als „Erfolgstrainer“ zu tun: auf Vereinsebene gewann er nicht wenige nationale Titel sowohl in Italien als auch mit Real Madrid, ehe man ihn dort trotz Erfolgs die Tür wies: die defensive Spielweise war einfach nicht mehr zu ertragen. Verständlich, wenn man bedenkt, wessen Geistes Kind Capello ist: Als Spiritus Rector benannte er die Trainerlegende Helenio Herrera(1910-1997), in dessen aktiver Zeit auch als „der Totengräber des Fußballs“ bekannt, da dieser puren Ergebnisfußball im Stile des Catenaccio spielen ließ. Mit Erfolg: die Ägide Herreras sollte später als La Grande Inter [3] in die Fußballgeschichte eingehen.

Stärken

Capello fand mit seinem Amtsantritt 2012 eine eingespielte Mannschaft vor, dessen Stamm sich seit der EM 2008 nicht wesentlich verändert hat. Diverse Akteure wie ein Zhirkow oder ein Denisov verfügen über ein Höchstmaß an technischer Finesse am Ball, insgesamt repräsentiert die Sbornaja in dieser Kategorie ein sehr hohes Niveau.

Darüber hinaus ist aus russischer Sicht darauf zu hoffen, dass der Trainer seinem Personal mittels Disziplin und sehr direkter Ansprache auch das gewisse Phlegma ausgetrieben hat, welches die Mannschaft bei internationalen Turnieren immer wieder überkommt: zuletzt geschah dies bereits in der Gruppenphase während der EM 2012, als man im letzten Vorrundenspiel an den eher biederen Griechen zerschellte. Die erfolgreich gestaltete WM-Qualifikation als Gruppensieger, noch vor den favorisierten Portugiesen, gibt dieser Hoffnung Nahrung

Die defensive Ausrichtung des Übungsleiters muss nicht zwangsläufig von Nachteil sein, zumal der Altersschnitt von 28 Jahren bei den zu erwartenden Belastungen nicht unbedingt nach einem Hurra-Fußball schreit. Eher kann man davon ausgehen, dass Russland eine Mannschaft aufbietet, die kompakt das eigene Terrain verteidigen und bei Fehlern des Gegners zügig zu Sanktionsmaßnahmen greifen wird. Mittels der zweifellos vorhandenen Technik der Beteiligten ist diese Marschroute durchaus erfolgversprechend.

Schwächen

Mit der Form dieser eingespielten Mannschaft scheint es nicht weit her zu sein. Das russische Team setzt sich traditionell aus den Moskauer Blöcken plus Zenit St. Petersburg zusammen, doch bis auf Letztgenannte konnte keines der genannten Teams bei internationalen Wettbewerben des letzten Jahres überzeugen –und Zenit schied im Achtelfinale der CL gegen Dortmund aus. Nun ist es zwar denkbar, dass Capello mittels Medizinball-Behandlung a la` Magath das -überspitzt formuliert -eine oder andere Fettpölsterchen verschwinden lässt; doch die Konkurrenz speziell aus Südkorea wird in diesem Bereich nicht mehr aufzuholen sein.

Übrigens Felix Magath: dieser kritisiert schon seit längerem die mangelnde Nachwuchsförderung im Riesenreich Russland, so dass Capello aktuell kaum Alternativen zur besagten Stammelf ins Feld führen kann. Mit dem Ausfall des Spielmachers Shirokow wird sich dieses Problem verschärfen, auch wenn ein überaus talentierter Dsagoev bereitstünde, um diese kreative Lücke zu füllen. Allerdings fand dieser Spieler bis dato nur wenig Berücksichtigung unter Capello, da es diesem nach Ansicht des Trainers an defensiver Tatkraft fehlen würde. Verletzungspech und taktische Zwänge könnten folglich dazu führen, dass diese Mannschaft ihr kreatives Potential nicht wird abrufen können.

Auch die Torausbeute der Sbornaja muss man als mangelhaft bezeichnen und es ist aktuell nicht abzusehen, dass sich dies bei diesem Turnier ändern wird: mit Kerzhakov und Kolorin hat Capello nur zwei nominelle Stürmer einberufen, und Kerzhakov, dessen Bewegungsradius sich zudem Jahr für Jahr verringert, benötigt zu viele Möglichkeiten, um seiner Profession auch gerecht zu werden.

Prognose

Capello selbst bezeichnet das Erreichen des Viertelfinals als „gutes Ergebnis“, doch er sollte froh sein, mit dieser Auswahl überhaupt das Achtelfinale zu erreichen: Die „goldene Generation“ der Belgier ist in dieser Gruppe favorisiert und die Dauerläufer aus Südkorea werden bereits am ersten Spieltag die Sbornaja einem anspruchsvollen Fitnesstest unterziehen, den es erst zu bestehen gilt. Im Achtelfinale selbst stünde möglicherweise eine Kollision mit Deutschland dem Viertelfinale im Weg, daher sollte Capello sich mit dem Überstehen der Gruppenphase zufrieden geben.

[1] http://www.independent.co.uk/sport/football/worldcup/a-touchline-philosopher-the-real-fabio-capello-764813.html

[2] Mehr zu Capello unter: http://www.newstatesman.com/sport/2010/06/capello-england-italian-cup

[3] Ab 1962 drei Meistertitel in Folge, 1964 und 1965 Gewinner des Pokals der Landesmeister inklusive Weltpokal

Register for HITC Sport - Daily Dispatch