Analyse der WM-Teilnehmer: Japan - Ein Gastbeitrag von Marcus Takeshi Tomasin

Japan Football Fans

Japans Samurai Blue werfen sich mit breiter Brust in das Turnier; im Land der aufgehenden Sonne träumt man wenigstens vom Erreichen des Viertelfinales. Doch kein Licht ohne Schatten und auch die Konkurrenz kennt kein Pardon.

Trainer

Alberto Zacceroni kann sich einen nicht geringen Anteil am letzen internationalen Titel der deutschen Nationalmannschaft auf die Fahnen schreiben –sofern man berücksichtigt, dass unter diesem Trainer ein Spieler namens Oliver Bierhoff tatsächlich zum Torschützenkönig der Serie A aufstieg und das ebenjener mit einem seiner „Malta-Füße“(Danke dafür, Rudi!) das entscheidende „Golden Goal“ im Finale der EM 1996 geschossen hat. Kurzum: mit Udinese Calcio Platz drei erreicht, Bierhoff zum Goalgetter geformt - Zacceroni, in Japan kurz „Zac“ genannt, ist in der Lage, das vorhandene Potential seiner Mannen voll auszuschöpfen.

Das hat man 2010 auch beim Japanischen Verband erkannt. Im Bewusstsein der eigenen Stärken und Schwächen (s.u.) verpflichtete man einen Coach, der ähnlich wie Italiens Übungsleiter Prandelli dem Stil des Catenaccio eine Absage erteilt und stattdessen eine offensive Ausrichtung seiner Teams bevorzugt. Entsprechend scheint sich die japanische Auswahl unter seinem Einfluss in eine torhungrige Meute zu verwandeln: Beobachter des letztjährigen Confed-Cups fühlten sich an das „Jahrhundertspiel“ erinnert, als sich Japan passenderweise mit der Squadra Azzurra einen packenden Schlagabtausch lieferte, der schließlich laut Prandelli „glücklich“ mit einem 4:3 für Italien endete.

Stärken

Das Kombinationsspiel mit eingebautem Chancenreichtum fällt daher sofort ins Auge: nicht selten wird das Spielgerät gefährlich nahe und mitunter auch in das Gehäuse des Gegners platziert, technisch versierte und auch torgefährliche Spieler wie Shinji Kagawa und Okazaki stehen hierfür Pate. Begleitet werden diese Könner von nicht minderbemittelteren Akteuren namens Keisuke Honda und nicht zu vergessen Hiroshi Kyotake, dessen Standards in der Bundesliga immer wieder für Aufsehen sorgten. Überdies haben erfolgreich absolvierte Testspiele gegen Belgien (3:2) und Holland (2:2) die Brust der Japaner signifikant breiter werden lassen.

Diese insgesamt positive Entwicklung lässt sich nur vor dem Hintergrund einer entsprechenden Leistungssteigerung der heimischen J-League erklären, denn seit geraumer Zeit werden weniger Altstars importiert als vielmehr Talente exportiert. Die genannten Legionäre entstammen allesamt einer Verpflichtung (bedingt durch finanzielle Engpässe) der Liga zur Förderung des Nachwuchses in der jeweiligen Region. Daher nimmt es nicht Wunder, dass die U-23 Olympia-Auswahl 2012 in London nur knapp an einer olympischen Bronzemedaille vorbeischrammte. Es ist folglich nicht auszuschließen, dass für uns noch unbekannte Talente bei diesen Titelkämpfen groß auftrumpfen könnten…

Schwächen

Leider scheinen diese Talente in der Abwehr zu fehlen, denn nur allzu oft muss der Torhüter der japanischen Auswahl das eigene Fangnetz des Gehäuses nach einem Gegentreffer wieder zurechtrücken. Das Jahr 2013 verzeichnet bei 19 Einsätzen 33 erzielte Treffer und ebenso viele Gegentreffer, einzig gegen die Teams aus Zypern, Irak und Guatemala gelang ein Spiel ohne Fehl und Tadel. Nach wie vor setzt sich der Abwehrverbund aus leichtgewichtigen Verteidigern zusammen, Spieler von der Statur eines John Terry oder Vincent Kompany wird man auch weiterhin in der Innenverteidigung vergeblich suchen: So misst Maya Yoshida immerhin 189cm, doch bei einem Kampfgewicht von 78 Kilogramm ist Schlimmes gegen einen Stürmer wie beispielsweise Drogba zu befürchten. Vielleicht sollten die Samurai Blue sich die Ernährungsweise der Sumotori buchstäblich zu Gemüte führen –aber dann bitte nur als FDH-Variante.

Darüber hinaus läuft dieses Team Gefahr, bei hoher Laufbereitschaft schlussendlich doch zu viele klare Chancen liegen zu lassen. In der besagten Neuauflage des „Jahrhundertspiels“ konnten sich die Italiener gleich mehrfach beim Torfabrikanten ihres Gehäuses bedanken für dessen vorteilhafte Rundungen. Angesichts des zu erwartenden Dreikampfs mit der Elfenbeinküste und Kolumbien um die Prolongation könnte sich dieser mangelhafte Biss bereits gegen den nominellen Außenseiter in der Gruppe, hier das defensiv eingestellte Griechenland, bitter rächen und ein vorzeitiges Ausscheiden nach sich ziehen.

Prognose

Die FIFA wird auch bei dieser Weltmeisterschaft das Regelwerk zugunsten technisch anspruchsvoller Mannschaften auslegen, Stichwort „körperloses Spiel“, daher ist zumindest das Achtelfinale möglich. Allerdings nur wenn den Japanern bewusst ist, dass ihnen nach drei erzielten Ecken eben nicht automatisch ein Tor auf der Anzeigentafel gutgeschrieben wird. Hier wird auch die FIFA keine Ausnahme gestatten und angesichts der Erwartungshaltung in Nippon würden sie dann große Augen machen bei einer ungeplanten vorzeitigen Abreise. Zumindest scheinen spektakuläre Spiele garantiert.

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