Die Leiden des Mario G.

Germany at Euro 2012

Mario Gomez ist nachwievor ein begnadeter Strafraumstürmer. Zu dumm nur, dass die heutige Fussballphilosophie zusehends ohne diese Position auskommt.

Mario Gomez wird also aufgrund seiner langmonatigen Verletzungspause die diesjährige Weltmeisterschaft verpassen, obwohl er mittlerweile wieder voll einsatzfähig wäre. Gleichzeitig wird Sami Khedira mit nach Brasilien fahren, obwohl er ebenfalls im letzten halben Jahr verletzungsbedingt gegen keinen Ball getreten hat.

Der Bundestrainer wird ihn trotzdem zum Turnier mitnehmen, da dieser laut Löw über einmalige Qualitäten verfügt, welche fúr die Mannschaft im Turnierverlauf wichtig sein werden. Im Umkehrschluss bedeutet die Nichtberücksichtigung von Mario Gomez also, dass dieser nach Meinung des Bundestrainers eben nicht solche Qualitäten vorzuweisen hat.

Es ist das Dilemma des Mario Gomez, dass er in einer Zeit Fussball spielt, in der die Spanier dank ihrer Siege bei den letzten drei grossen Länderturnieren eine Deutungshoheit über die aktuell vermeintlich beste Fussballphilosophie besitzen. Dieses ballbesitzorientierte Kurzpassspiel sieht einen technisch versierten verkappten Mittelstürmer vor, welcher sich jederzeit an den endlosen Ballstafetten beteiligen kann. Ein athletischer und kopfballstarker Stossstürmer wie Gomez ist da eher eine Antipode zu diesem System.

Die deutsche Nationalmannschaft hat unter Jogi Löw so oft gegen diese Spanier bei grossen Turnieren verloren, dass nun auch der deutsche Bundestrainer diese Variante für seine Mannschaft entdeckt hat. Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund warum man die eher kleingewachsenen, aber technisch versierten, Reus oder Götze, und eben nicht den bulligen Strafraumstürmer Gomez, bei der WM im deutschen Sturmzentrum sehen wird.

Dabei vertritt Gomez eine lange Tradition eines gewissen Spielertyps in der Nationalmannschaft. Uwe Seeler, Horst Hrubesch, Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff – sie alle würden wahrscheinlich unter dem heutigen Bundestrainer mit seiner Spielphilosophie nicht zum Einsatz kommen.

Mario Gomez steht in seiner Qualität vermutlich den oben genannten ehemaligen DFB-Stürmern in nichts nach, aber er hat einfach das Problem, dass er gegen den aktuellen Trend und ein paar plumpe Vorurteile ankämpfen muss.

Als er bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren die ersten drei Tore für Deutschland schoss und damit hauptverantwortlich für den perfekten Turnierstart mit zwei Siegen war, glaubte man schon, dass die Liaison zwischen Löw und ihm doch noch dauerhaft Früchte tragen würde.

Bedauerlicherweise kam ihn dann der Fussballexperte Mehmet Scholl mit seiner unqualifizierten Aussage über Gomez‘ vermeintliche Bewegungsarmut in die Quere und das brannte sich beim Fussballvolk und dem Bundestrainer anscheinend mehr ein als die herausragende Torquote des ehemaligen Stuttgarters.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft beim Turnier in Brasilien in einem entscheidenden Spiel in den letzten Minuten einem Rückstand hinterherlaufen muss, dann könnte der Bundestrainer vielleicht noch ins Grübeln kommen, ob er nicht doch Gomez‘ Qualitäten gebrauchen hätte können.

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