Hausaufgaben für Pep

Pep Guardiola

Bayerns 0:4-Niederlage im Halbfinalrückspiel der Champions League gegen Real Madrid zeigt, dass Guardiola vor der nächsten Saison vor einer grossen Herausforderung steht. Trotzdem darf man jetzt nicht alles unter ihm in Frage stellen.

Vor dem Spiel wurde immer wieder eindringlich auf Reals Konterstärke und Bayerns Anfälligkeit bei Tempogegenstössen hingewiesen. Interessanterweise wurde das Spiel jedoch nach Toren durch Standardsituationen verloren. Gerade auf diesem Gebiet wurde dem deutschen Meister schmerzhaft vor Augen geführt, dass auf internationaler Topebene weder Ballbesitz noch Passgenauigkeit sondern einzig und allein Effizienz zählt.

Während Real Madrid in Person von Ramos zwei ruhende Bälle zur frühen und vorentscheidenden Führung genutzt hat, haben die Bayern wie schon im Hinspiel gezeigt wie harmlos sie selbst nach Ecken und Freistössen sind. Was nutzt es wenn man 99% Ballbesitz und ein Eckenverhältnis von 200:1 hat, wenn man kein Kapital daraus schlagen kann? Man hätte eigentlich vermutet, dass die Münchner diese Lektion seit dem verlorenen Champions League Finale vor zwei Jahren gegen Chelsea gelernt hätten.

Guardiola wird sich jetzt viel Kritik und die sinnlosen Vergleiche mit Heynckes anhören müssen. Er weiss selbst, dass er sich jetzt ein Stück weit neu erfinden muss. Bei Barcelona war er aufgrund seiner Vergangenheit als langjähriger und erfolgreicher Spieler quasi unantastbar, aber bei Bayern besitzt er diese Lobby nicht, beziehungsweise sitzt seine Lobby bald im Knast.

Die Tiki-Taka-Müdigkeit wird bei den Fans und Verantwortlichen des Noch-Champions-League-Siegers sicher noch zunehmen, wenn Aufwand und Ertrag auch nächste Spielzeit in so einem Missverhältnis zueinander stehen sollten.

Zwar kommt dann der polnische Knipser Lewandowski vom Ligakonkurrenten aus Dortmund, aber auch dieser kann die Tore ja nicht aus dem Nichts machen. Stürmer brauchen nun mal Strafraumpässe und Flanken durch welche dann Druck auf den Gegner ausgeübt werden kann.

Natürlich geht dann im Zweifel mal der Wert der Passgenauigkeit drauf, aber genau darum geht es ja auch. Das berechnebare Element im Angriffsspiel des deutschen Meisters muss wieder kleiner und durch mehr Spontanität ersetzt werden. Die Angst vor dem möglichen Fehlpass muss der optimistischen Möglichkeit einer tatsächlichen Torchance durch ein riskantes Zuspiel weichen.

Guardiola hat die Bayern spielerisch diese Saison sicherlich weiterentwickelt und deshalb sollte man jetzt auch nicht den Fehler begehen und alles in Frage stellen. Solange der erfolgsverwöhnte Trainer die richtigen Schlüsse aus dieser bitteren Niederlage gegen Madrid zieht, kann er beim FC Bayern immer noch als grosser und erfolgreicher Trainer in die Vereinsgeschichte eingehen. Jupp Heynckes hat schliesslich auch erst drei Mal dem Gegner zum Sieg gratulieren müssen, bevor er dann ein Jahr später das Triple gewann. Guardiola ist sicherlich intelligent genug um sich einem ähnlichen Lernprozess nicht zu verweigern.

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