Das Uhrwerk Bayern

Pep Guardiola

Was sind die grössten Unterschiede zwischen Heynckes’ Bayern vom letzten Jahr und dem Team diese Saison unter Guardiola?

Letztes Jahr haben die Bayern das Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokalsieg und Champions League Sieg gewonnen. In der Bundesliga kamen sie im gesamten Saisonverlauf auf beeindruckende 29 Siege mit nur vier Unentschieden und einer Niederlage. Viele Leute haben zu dieser Zeit gesagt, dass es für den neuen Trainer Guardiola schlichtweg unmöglich sein wird, diese Arbeit von Heynckes noch zu übertreffen. Sie sollten nicht Recht behalten.

Vielleicht war das genau Guardiolas Motivation, nämlich das Unmögliche zu erreichen in dem man versucht ein Team zu verbessern, welches im Vorjahr bereits alle möglichen Titel gewonnen hat. Er selbst verwendete den Begriff “Super Super” um nach einem erfolgreichen Spiel Bayerns Darbietung zu beschreiben. Er sucht also nach dem Supersuperlativ des Fussballs, der Perfektion im Spiel.

Die grösste taktische Veränderung unter ihm war, dass er Heynckes’ 4-2-3-1 Taktik mit zwei defensiven Mittelfeldspielern auf ein 4-1-4-1 System mit nur noch einem defensiven und dafür einem etwas zentraleren Mitteldfeldspieler auf der Achterposition änderte. Normalerweise bekleidet der als Schnäppchen vor der Saison verpflichtete Thiago diese Position. Ohne diesen zentralen Mittelfeldspieler war Heynckes’ Spielsystem deutlich vertikaler und schneller, wohingegen Guardiolas Mannschaft immer die totale Ballkontrolle sucht, welche für ihr gleichbedeutend mit der Dominanz des Spiels ist.

Zu Saisonbeginn waren beide defensive Mittelfeldspieler unter Heynckes, Javi Martinez and Schweinsteiger, verletzt, weshalb Guardiola Lahm von seiner angestammten Position als rechter Aussenverteidiger dorthin beorderte (eine Strategie welche mittlerweile auch der Bundestrainer kopiert hat) und stattdessen Rafinha Lahms ursprüngliche Position einnahm. Diese Wechsel waren bis jetzt so erfolgreich, dass Guardiola sie nicht änderte obwohl mittlerweile Martinez und Schweinsteiger beide wieder fit sind. Interessanterweise ist also Guardiolas spanischer Landsmann Martinez der Spieler, der bislang unter ihm am meisten von seiner vormaligen Spielzeit eingebüsst hat, wohingegen Rafinha der grosse Gewinner unter ihm ist und sich nun sogar berechtigte Hoffnungen auf eine WM-Teilnahme mit Brasilien machen darf .

Heynckes war der perfekte Diplomat und schaffte es stets trotz zeitweise unzufriedener Spieler wie Gomez oder Robben ein funktionstüchtiges Team zu haben. Das war wahrscheinlich auch sein Schlüssel zum Erfolg. Guardiola hat eine andere Strategie. Sobald er von einem Spieler auch nur den kleinsten Hinweis auf undsizipliniertes Verhalten sieht, lässt er diesen solange nicht mehr spielen bis er seine Einstellung geändert hat. Mandzukic und Kroos haben beide schon Erfahrungen mit dieser Erziehungsmassnahme gemacht. Guardiola akzeptiert nichts was diese Supersupersaison in Gefahr bringen könnte und die Spieler sind sich dessen absolut bewusst.

Bayern unter Guardiola funktioniert wie eine Maschine. Jeder Spieler Weiss genau was er zu tun hat und mit ihrer domninanten Spielweise und ausreichend Geduld können sie jeden Abwehrriegel knacken. Der spanische Trainer sieht seine Arbeit als Kunst an und geniesst die Schönheit des Spiels. Auf einer Pressekonferenz vor dem Bundesligaspiel gegen Hannover und nur zwei Tage nach dem Sieg im Emirates Stadium in London, sagte er, dass “Champions League wie ein gutes Essen in einem schönen Restaurant ist” und dass im Gegensatz dazu “Bundesliga wie jeden Tag Pizza oder Hamburger” ist. Nachdem er nicht gerade ein passionierter Fast-Food-Liebhaber ist, kann man genau verstehen was er damit meint.

Als Fazit kann man sagen, dass sich Bayerns Spielstil verändert hat. Er ist nun mechanischer und organisierter anstelle des vertikalen und schnellen Spiels der Vorsaison. Natürlich kommt es dabei auf den persönlichen Geschmack an, welche der beiden Varianten man bevorzugt. Bis jetzt ist Guardiola auf einem sehr guten Weg Bayerns beeindruckende Zahlen von letztem Jahr sogar noch zu übertreffen. Sie sind nur noch einen kleinen Schritt vom Champions League Viertelfinale entfernt und werden im DFB-Pokalhalbfinale zu Hause gegen einen Zweitligisten spielen. In der Bundesliga haben sie den unglaublichen Rekord von 22 Siegen in 24 Spielen, mit nur 2 Unentschieden und ohne Niederlage, aufgestellt. Das Torverhältnis ist dabei 72-11.

Bis jetzt macht Guardiola also einen Supersuperjob, aber er braucht noch ein paar gute Essen in der Champions League Heynckes’ Vorjahresbilanz zu übertreffen. Manchester City hat durch den 3-2 Sieg im letzten Spiel der Gruppenphase gezeigt, wie schnell man sich an so einem guten Essen verschlucken kann.

image: © tpower1978

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